Ich bin die meiste Zeit online
und die meiste Zeit überfragt
Ein Text über das Wiederfinden eines dreißig Jahre alten Fotos von sich selbst.
Es ist das Jahr, in dem Windows 95 zum ersten Mal auf österreichischen Computern glüht. Das Jahr, in dem es zum guten Ton gehört, farbschwache Einladungen mit WordArt-Überschriften am eigenen Drucker zu produzieren oder stundenlang die vorinstallierten Spiele Solitär und Hearts zu zocken.
Das neunjährige Mädchen auf dem Foto, das noch keinen eigenen Computer besitzt – der wird erst im Jahr 1998 auf meinem Schreibtisch einziehen –, bin ich. Ich trage weiße Jeans, sitze barfuß auf der Kindercouch und habe einen streng nach hinten gebundenen Pferdeschwanz mit Pony auf dem Kopf. So streng, dass die Stelle, an der das Haargummi auf meine welligen Haare trifft, richtig wehtut. Die Frisuren hat man damals selbstverletzend akkurat gemacht, damit sie den ganzen Schultag hielten.
Auf dem Fußboden, direkt neben dem tragbaren Radio, liegt ein Haufen glänzender diskusförmiger Platten. Erst beim Aufräumen werden sie in ihre Plastikhüllen zurückgesteckt. Im Kinderzimmer läuft zwölf Stunden am Tag Musik. Eurodance. Entweder „Die Schlümpfe – Vol. 2 Megaparty“ oder das dritte Album von DJ BoBo: „Just for You“.
Beim Betrachten der verblassten Fotografie fällt mir ein, wie ich aufgrund fehlender Englischkenntnisse eigene Lyrics erfand und diese lauthals über die echten Songtexte sang, während ich meine Paninihefte nach fehlenden Sammelstickern durchblätterte. Genauer gesagt: drei Stück. Weil nur wenige Klassenkamerad:innen Barbie-Pickerl sammelten, konnte ich schlecht tauschen und musste mir anderweitig zu helfen wissen. Also kaufte ich, ohne lange nachzudenken, zwei weitere Hefte, um dort die doppelt und dreifach erstandenen Bilder einzukleben. Die nicht benötigten wegzuwerfen, hätte ich nicht übers Herz gebracht.
Man warf nichts weg, was man noch brauchen konnte. Man füllte das Hauptalbum und besaß Nebenalben mit zusätzlichen Kleberessourcen. Es war die Hoch-Zeit des Plastiks. Des schnellen Konsums in den Neunzigerjahren. Und doch hing man an den Dingen, pflegte sie. Zumindest da, wo man es nicht als zu einschränkend empfand.
Während ich auf die ernst, aber selbstbestimmt dreinschauende Persönlichkeit auf dem Foto blicke, die sich von der Linse in ihrem Sammelhobby gestört fühlte, erinnere ich mich daran, wie stolz ich war, alleine in die Trafik unseres Ortes zu gehen, um neue Sticker-Päckchen zu kaufen. Dazu immer auch ein Brieflos, um mit viel Glück einmal bei Peter Rapp im Fernsehen zu landen und vor dem riesigen Glücksrad zu stehen. Geld gewinnen, das schien erstrebenswert zu sein, aber mir ging es hauptsächlich darum, am Rad zu drehen. „Darf es sonst noch etwas sein?“, fragte die immer weibliche Bedienung des Ladens. Ich schüttelte meinen schüchternen Kopf und zahlte mit einem Zwanzig-Schilling-Schein.
Digital ist besser. Ja. Nein. Jein.
Wie gerne würde ich den Satz „Digital ist besser“ wieder genauso fanatisch fühlen, wie ich es kurz nach dem Entstehungsdatums dieses Fotos getan habe. Kurz vor dem Millennium, als sich mein 56 K Modem unter großer Kraftanstrengung und mit lautem Krächzen gegen die Telefonleitung durchsetzen musste. Damit ich mich im Ö3-Chat zum ersten Mal mit Gleichaltrigen unterhalten konnte, die ich nicht persönlich kannte. Wir tauschten Belanglosigkeiten aus. Diese „als Nachrichten“ versenden zu können, war die eigentliche Besonderheit.
Wie gerne würde ich noch einmal mit der gleichen Vorfreude am niederösterreichischen Rathausplatz stehen, vor dem neuen Stadt-Pilotprojekt. Der sogenannte „Onlineterminal“ sah eher wie eine mitgenommene Parkuhr aus und wurde bald darauf wieder seines prominenten Standorts beraubt. Weil der Touchscreen ständig einfror, musste man sich einen erfolgreichen Login auf sms.at regelrecht erarbeiten. Die SMS-Nachrichten, die über die Webseite gratis versendet wurden und hauptsächlich aus Internetabkürzungen wie *ggg* und *rofl* bestanden, kosteten uns am Terminal zwar kein Geld. Aber Ausdauer, Geduld und wundgedrückte Finger.
Jetzt haben wir das Jahr 2025 und sms.at gibt es schon lange nicht mehr. Jetzt bin ich fast 30 Jahre älter und habe zu kurze Haare für einen Pferdeschwanz, die bald mehr weiß als braun sein werden.
Ich sammle keine Sticker mehr, nur noch Favs und Likes. Allerdings nicht so erfolgreich, dass ich dafür weitere Accounts benötigen würde, um alle Gefällt-mir-Angaben unterzubringen. Das Instagram-Stickerheft ist nie „fertig“. Ich kann mich nie wieder etwas anderem widmen.
Während ich auf das dunkelblaue Sofa auf dem Foto mit den weißen Blümchen und der hellen Überdecke schaue und daneben den grellen, grün-pinken Puppenwagen entdecke, komme ich nicht drum herum, mich zu fragen: War mein neunjähriges Ich erfolgreicher „es selbst“ als mein 38-jähriges? Sollten wir Plätze tauschen?
Vielleicht wüsste sie ja, was zu tun ist. Ich weiß es nämlich oft nicht. Ich bin die meiste Zeit online und die meiste Zeit überfragt.
Ich entscheide mich dafür, das analoge Bild abzufotografieren und in einem Ordner auf meinem Telefon abzuspeichern. Den Ordner nenne ich „Old Me“.
Wir dürfen beide da sein.
Auf dem Smartphone.
Und im Hintergrund läuft ab und an DJ BoBo.
Von Nadine Obermüller